Trennungskomplikationen

1. November 2013

Sämtliche Instinkte gehen auf Abwehr und halten die Atomraketen abschussbereit.

„Ich muss mit Ihnen reden,“ verkündet sie knapp. Weshalb meine Gegenwart wohl auf einmal für so viele etwas so Begehrenswertes ist?

Und was antworte ich jetzt? Ich wüsste nicht, was wir beide zu reden hätten? Aber selbstverständlich doch, Frau Mondheim – wann und wo kann ich Ihnen zur Verfügung stehen?

Als ob ich nicht auch ohne diesen zusätzlichen Mist genügend Sorgen hätte. Allein meine Mutter hat schon dreimal angerufen wegen der zukünftigen Kücheneinrichtung. Sie will gleich noch ein Geschirr mitbesorgen, sie hat da eines gesehen, schlicht weiß mit einer blauen leicht vorstehenden Ecke, ähnlich dem Schmuck über einem Türbogen, in Gold eingefasst. Klingt so, als ob Mondheim damit leben könnte, und so stimme ich schließlich zu. Das Aussuchen gestern Abend ist schließlich ins Wasser gefallen. Und, Himmel, wenn wir es dann doch nicht mögen sollten, steht einer weiteren Anschaffung ja nichts im Wege. Hauptsache, wir haben erst einmal eine Grundausstattung.

Die Mondheim will zu mir ins Büro kommen.

Warum dieser Ort?

Wahrscheinlich, weil sie mich nachgiebiger glaubt in diesen heiligen Hallen, in denen er herrscht. Dabei hat Mondheim selbst durch seine Zurückhaltung dafür gesorgt, dieser Raum ist derzeit weit mehr meiner als seiner.

Und wie verhalte ich mich jetzt? Sage ich ihm Bescheid, was mir bevorsteht, oder bringe ich es frauhaft allein hinter mich?

Nein; das kann ich nicht. Und so unterrichte ich ihn kurz per SMS.

In einer halben Stunde wird sie da sein, hat sie versprochen. Meinetwegen müsste sie sich nicht beeilen.

Sie stürmt ins Zimmer, noch bevor ich auf ihr Klopfen „herein“ sagen kann. Ist ja auch ihr Zuhause; wenigstens scheint sie das zu denken. Ihr Hoheitsgebiet, in dem ich nur Gast bin, und zwar weder ein gern gesehener, noch ein auch nur geduldeter. Sie will mich raushaben, das wird schnell deutlich.

„Ich habe Verständnis für Daniels kleine Spielchen,“ läutet sie die Boxrunde ein. „Sie sind nicht die erste Frau, der er sich eine Zeitlang widmet, und sie werden nicht die letzte sein.“

Aus welchem Schundroman hat sie den Spruch denn? „So wie Grübingen nicht der erste und nicht der letzte ist?“ erwidere ich mutig. Sie ignoriert meinen Einwurf vollständig. „Auch Ihre Arbeit hier, das gehört alles zum Spiel dazu. Sie wissen selbst, das ist kein richtiger Job, es ist einfach nur etwas, womit Daniel Sie eine Weile erfreut.“

„Ein Almosen,“ bringe ich es auf den Punkt, und diesmal reagiert sie. „So hart wollte ich es nicht ausdrücken, aber wenn Sie es selbst sagen – ein Almosen, exakt das. Ich gönne es Ihnen, sich hier eine Weile lang austoben zu können, und Sie müssen auch keine Angst haben, dass Sie nachher ohne etwas dastehen – Daniel wird sich sehr darum bemühen, Ihnen eine gute Stelle zu verschaffen, wenn er Ihrer überdrüssig geworden ist.“

Sie schlägt die Beine übereinander. Aha – jetzt kommen die entscheidenden Sätze. „Wie gesagt, ich gönne es Ihnen, und ich gönne Ihnen auch das Vergnügen mit meinem Mann. Aber über eines sollten Sie sich im Klaren sein – ich werde es nicht geschehen lassen, dass er in seiner verwirrten Eitelkeit Brücken hinter sich abbricht und sich in eine Situation hineinbegibt, die ihm letztlich nichts als Nachteile einbringen kann.“

Sie sollte Romane schreiben; Rosamunde Pilcher ist nichts dagegen, wie sie die Realitäten in ein Schwarzweiß-Foto verwandelt.

Ruhig bleiben, ermahne ich mich selbst. Bewusst gleichgültig spiele ich mit dem ersten Teil, das mir in die Hände fällt. Es ist seine alte Armbanduhr, die nicht mehr funktioniert. Wobei das Symbolhafte dieser Geste wirklich nicht geplant ist.

„Sie sind noch jung,“ geht der Vortrag weiter. „Das halte ich Ihnen auch zugute. Sie wissen es nicht besser und Sie denken, Sie hätten gerade in der Lotterie gewonnen. Doch das Leben ist nicht so.“ So, so – und die Frau will mir jetzt etwas über das Leben im Allgemeinen und im Senreis-Besonderen erzählen? Wie interessant.

„Was wollen Sie eigentlich von mir?“ nutze ich ihre kurze Pause.

Elegant schwenkt sie ihre Hand. „Ich will den Rahmen abstecken, an den Sie sich besser halten, wenn Sie nicht wollen, dass ich meine Toleranz vergesse und ernsthaft gegen Sie vorgehe.“

„Eines verstehe ich nicht,“ stelle ich mich dumm, „am Samstag war doch eigentlich alles klar. So wie ich das verstanden habe, haben Ihr Mann und Sie sich längst auf eine Trennung geeinigt, bloß hat er diese Freiheit bislang nicht in Anspruch genommen. Nur, früher oder später musste doch genau das kommen, das ist nun wiederum etwas, das Ihnen klar sein sollte. Das ist doch auch völlig unabhängig von meiner Person; ich bin nur der mehr oder weniger zufällige Anlass.“ Hoffentlich merkt sie nicht, dass mir das Herz bis zur Nasenspitze klopft.

Dabei bin ich seltsamerweise erstaunlich gelassen. Sie kämpft auf verlorenem Posten. Sie wird Mondheim nicht halten können, und so schon gar nicht. Ich weiß nicht, was aus uns beiden werden wird, aus Mondheim und mir. Kann sein, in einem Jahr haben unsere Wege sich längst wieder getrennt, kann sein, wir bleiben zusammen. Aber eines ist ein Fakt, an dem auch ihre Versuche, sich die Wirklichkeit schönzureden, nicht vorbeikönnen: Momentan haben sie sich miteinander verbunden, unsere Wege. Er stand an einer Weggabelung, und er hat sich entschieden. Kein Mensch kann vorausahnen, wann die nächste Weggabelung ihn vielleicht wieder wegführt von mir, womöglich gar zurück zu ihr, aber diese Entscheidung jetzt ist unverrückbar getroffen. Und anders als in einem Computerspiel kann die Situation auch nicht per Sichern und neu Probieren mit einem anderen Ausgang wiederholt werden. Im Leben geht es immer nur nach vorne, und selbst wenn man dabei vergangene Gefilde erneut berührt, sind sie längst andere geworden.

Mit dem typischen Nylongeräusch wechselt sie das Standbein in der Sitzhaltung. Kann sie nicht mal die Füße stillhalten? „Ich bin nicht verrückt genug, Ihnen Geld zu bieten. Schließlich ist Daniel ausgesprochen großzügig und wird Ihnen alles bieten, was Sie sich nur wünschen können. Geld ist also für Sie kein Argument.“

Das ist es tatsächlich nicht; allerdings aus anderen Gründen als sie glaubt. Wahrscheinlich hat sie wirklich zu viele Frauenromane gelesen.

Ob ich sie ein wenig provoziere? Ihr vorschlage, wir könnten doch alle vier zusammen im großen Haus glücklich werden, Grübingen und sie, Mondheim und ich? Nein, lieber nicht. Selbst ich bin nicht frivol genug, in einer so ernsthaften Lage, so irrwitzig sie sich auch anfühlt, derartige Scherze zu machen.

Ich räuspere mich. „Frau Mondheim, es tut mir Leid, aber ich verstehe noch immer nicht. Ich verstehe nicht, warum Sie hier sind, und ich verstehe nicht, was Sie mit diesem Besuch bezwecken.“

Ihr Gesicht wird hart. „Ganz einfach, meine liebe kleine Frau Senreis – ich will, dass Sie aufhören, um meine Mann herumzuscharwenzeln und ihn auszunutzen. Sie bilden sich wohl ein, nur weil Sie jünger sind, können Sie ihn an sich binden, aber das wird Ihnen nicht gelingen.“ Sie beugt sich vor. „Um einmal ganz deutlich zu werden – Sie haben sich das sehr schön gedacht, sich hoch zu schlafen, und da kam Ihnen Daniel gerade recht. Aber nur übers Bett kommt man im Leben nicht weiter.“

Die Tür fliegt auf und schlägt krachend gegen die Wand, bevor sie schwungvoll wieder geschlossen wird.

Nun, es ist ja doch Mondheims Büro, nicht meines.

Ich weiß nicht, ob ich froh sein soll, ihn zu sehen. Er hat sich schon gestern mit ihr herumschlagen müssen; eine weitere Szene würde ich ihm gerne ersparen. Andererseits, ja, doch – ich bin froh. Sehr froh. Es ist ja nicht oft, dass ein weißer oder vielmehr schwarzer Ritter zur eigenen Rettung angaloppiert kommt, da muss man es genießen, wenn sich der kindische Prinzessinnentraum doch einmal erfüllt.

Anders als ich erschrickt sie nicht. Ganz ruhig dreht sie sich um. „Welche Überraschung, Daniel. Ich glaubte, dich erst heute Abend wiederzutreffen.“

Er sieht aus, als ob er sich nur mühsam beherrscht. „Silvia, es wird dir noch förmlich zugestellt werden, aber der Fairness halber unterrichte ich dich schon jetzt. Du wirst das Haus räumen müssen. Die einstweilige Anordnung ist bereits ergangen.“

Ihre Augen weiten sich. „Du warst beim Anwalt?“ fragt sie scharf.

„Ich war beim Anwalt,“ bestätigt er. „Und nachdem du ja das Haus in Holland besitzt, an dem sich dein Hauptwohnsitz befindet, während ich mich der Geschäfte wegen hier aufhalten muss, liegt es auf der Hand, wem das Haus zusteht. Zu schade, dass wir keine Kinder haben, Silvia. Du hättest mir darin doch nachgeben sollen, dann sähe es jetzt besser aus für dich. Dein Unterhalt ist gesichert durch die holländische Firma, die dir gehört. Anstandshalber werde ich mich dort natürlich aus der Geschäftsführung zurückziehen, damit du einen Mann deines Vertrauens einsetzen kannst. Und selbstverständlich werde ich dennoch meine Vermögensverhältnisse vollständig offen legen; die Buchhaltung arbeitet bereits daran. Es wird sich sicherlich ein gewisser Unterhaltsanspruch deinerseits ergeben, denn deine Einnahmen sind ja wesentlich geringer als meine. Immerhin muss ich nicht befürchten, dich mittellos zurückzulassen. Was die Vermögensverteilung angeht, ist durch den Ehevertrag im wesentlichen alles geregelt. Du wirst zufrieden sein und weiter in Verhältnissen leben können, wie wir sie uns gemeinsam aufgebaut haben. Wie das mit der Scheidung wird, werden wir sehen. Du wirst dich wahrscheinlich ein wenig sträuben, aber nachdem wir offiziell ohnehin schon seit einiger Zeit getrennt leben, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis dein Widerspruch keine Rolle mehr spielt.“

Oh, oh – da hat sich wohl jemand im eigenen Netz gefangen!

Übelkeit senkt sich kalt in meine Magengrube. Wie schrecklich Mondheim ist, wenn sein Zorn ihn dazu bringt, die schärferen Geschütze auszupacken.

Sie versucht, ihr Erschrecken mit einem Lachen zu überspielen. „Wir leben nicht getrennt, und das weißt du ebenso gut wie ich. Grübingen wird das bestätigen können.“

„Grübingen,“ entgegnet er, und sein leiser Ton dabei wirkt gefährlicher, als wenn er brüllen würde, „Grübingen ist bereit, jederzeit zu bezeugen, sich mit dir gemeinsam die meiste Zeit in den Niederlanden aufgehalten zu haben. Er tut das nur zu deinem Schutz, Silvia. Alles andere wäre schließlich auch nicht ganz ungefährlich in deiner Lage. Du hättest einiges an Ärger zu erwarten, würde sich herausstellen, du hast die Behörden belogen.“

„Aber du bist es doch, der sich diese ganzen Schliche ausgedacht hat,“ ruft sie, und ihre Stimme kippt über dabei.

Mondheim zuckt die Achseln. „Meines Wissens warst du es, die den ganzen Papierkram höchstpersönlich in die Hand genommen hat. Du kannst natürlich gerne hingehen und ausplaudern, dass du dabei nicht bei klarem Verstand warst, sondern beeinflusst und unter Druck gesetzt durch mich. Dass du dich über Jahre hinweg in einer Zwangslage befunden hast, die kein anderes Handeln zugelassen hat. Das wird sicherlich interessant; und ich male mir gerade aus, wie all deine Freunde auf einen solchen Vortrag reagieren werden.“

Erpressung ist das; simple, schlichte Erpressung, was er da macht. Fast habe ich Mitleid mit ihr. Sie hat ihn zum Kampf herausgefordert, und nun kämpft er. Die Geister, die ich rief …

Dabei wäre das einzige, womit sie ihn hätte beeindrucken können, ein anständiges Verhalten gewesen, wie sie es am Samstag noch gezeigt hat. Sie hätte sich besser überlegen sollen, mit wem sie beginnt, falsch zu spielen.

Sie steht auf. „So kannst du mit mir nicht umspringen!“ Beinahe lässig lehnt er sich gegen einen Aktenschrank. „Können kann ich das schon, Silvia. Ich muss das nicht tun; wir können uns auch anders einigen. Aber ich kann es.“

Mit einer raubtierhaften Bewegung stemmt er sich ab vom dunkelgrauen Metall. „Aber bevor du mir jetzt wieder etwas zusagst, an das du dich später doch nicht gebunden fühlst, solltest du dich erst einmal mit einem Anwalt beraten.“

„Zu wem soll ich denn gehen?“ ruft sie hell. „Ich kenne doch nur Amundsen, und den hast bestimmt du dir gesichert!“ Seine Augenbrauen gehen nach oben. „Selbstverständlich. Schließlich hat er seit Jahren alles übernommen, was mich privat betrifft, und viel von dem, was mit meinen Geschäften zu tun hat. Nur zu deiner Beruhigung – er macht das nicht selbst, sondern die Scheidungssache hat eine junge Kollegin übernommen, die seit ein paar Jahren in seiner Kanzlei ist. Das wollten wir dir doch nicht antun, dass er dir persönlich als Vertreter meiner Rechte gegenübertritt. Aber ich weiß gar nicht, worüber du dich beschwerst, du hast ja schließlich einen eigenen Anwalt in Holland. Und wenn ich mich recht entsinne, gab es da doch auch einmal diesen, wie hieß er noch gleich, diesen Talfing. Mit dem hast du dich eine gewisse Zeitlang außerordentlich gut verstanden. Wenn du möchtest, kann dir aber gerne auch meine Assistentin ein paar Namen von guten Scheidungsanwälten heraussuchen.“

Daniel ist doch ein Sadist; er genießt es ja fast, sie in der Ecke zu sehen und ihr das auch ja ausreichend vor Augen zu führen, wo sie sich befindet.

Sie überlegt eine Weile, entscheidet sich dann jedoch, erst einmal das Feld zu räumen. „Du wirst von mir hören, Daniel!“

„Mir wäre es lieber, ich würde von deinem Anwalt hören,“ bemerkt er lakonisch und versaut ihr damit den energischen Abgang.

„Puh!“ Erschöpft lasse ich meinen Kopf auf die Tischplatte fallen.

Mondheim tritt hinter mich, massiert sanft meine völlig verspannten Schultern. Ich habe gar nicht gemerkt, wie verkrampft ich bin.

„Mit dir sollte man sich nicht anlegen,“ murmele ich. „Besser nicht,“ bestätigt er.
***

Können wir jetzt endlich für heute mit den unangenehmen Überraschungen aufhören? Ich muss noch soviel erledigen! Nicht einmal zur Post bin ich gekommen, wegen Deinar. Aber ich habe vorhin noch schnell meine Briefe beim Empfang abgegeben, wo sie heute Abend mit allem anderen weggehen werden, und die Privatausgabe sorgfältig vermerkt. Muss ja alles seine Ordnung haben.

„Warum hast du nicht gesagt, du willst nicht mit ihr sprechen?“ fragt Mondheim, ein wenig ärgerlich. „Ach, weißt du, irgendwie ist heute so ein Tag – erst Deinar, dann sie.“

„Deinar?“ „Ja, er hat mir von seinem tollen neuen Job in Bayern berichtet und sich von mir verabschiedet. Auf einmal ist er wieder ganz normal. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er gerade dabei ist, sich mit seiner Ex-Frau wieder zu versöhnen.“

„Wie rührend,“ bemerkt Mondheim sarkastisch. „Aber etwas anderes – mit der Hoffmann ist alles geklärt. Sie ist morgen den ganzen Tag in unserer neuen Wohnung und hilft uns beim Einräumen. Wir haben ja beide nicht viel an großen Teilen, und die Zahl der Kisten hält sich in Grenzen. Wenn wir Glück haben, ist morgen Abend schon alles provisorisch bewohnbar.“

Morgen Abend.

Ab morgen Abend werden wir nicht nur Kampfgefährten sein, sondern auch echte Bettgenossen. Und ich gedenke, diesem Teil unseres Zusammenseins sehr bald wieder weit mehr Gewicht einzuräumen, als die Ereignisse es momentan zulassen.

„Und am Freitag steht uns dann meine Mutter ins Haus,“ seufze ich und bewege meine Schultern, die sich ganz langsam unter seinen Händen entspannen. „Dann sollte ich vorher gewisse Utensilien gut verstauen,“ lächelt er. „Oh Gott, ja! Na, ich hoffe, sie wird sich hauptsächlich auf die Küche beschränken. Das Problem ist, sie wird eine Weile allein in der Wohnung sein. Ich kann ja nicht am Freitag schon wieder fehlen.“

„Macht es dir viel aus, wenn sie es mitkriegt?“ fragt er. „Ich weiß es nicht,“ antworte ich ehrlich. „Ich meine, eigentlich müsste sie es sich denken können, aber über das Thema wollte sie nie viel hören. Ist doch erstaunlich – die eigenen Eltern sind diejenigen, bei denen das Outing am schwersten fällt. Was ist eigentlich mit deinen?“ Etwas, worüber wir noch nie gesprochen haben, seine Eltern. Falls sie noch leben; hoffentlich bin ich da jetzt nicht in ein Fettnäpfchen getreten.

„Mit meinen Eltern habe ich seit Jahren keinen engen Kontakt,“ entgegnet er knapp. Ich drehe mich um, lege die Arme um seine Taille. „Und dein Bruder?“ „Joachim besucht sie ab und zu. Er hat ja anders als ich auch nicht die falsche Frau geheiratet.“

Das wird nur ein Teil der Wahrheit sein; ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass ein Schwiegerkind allein dazu führt, einen Keil zwischen Eltern und Kinder zu treiben. Das heißt, einen Keil vielleicht schon, aber nicht einen, der das gesamte Band sprengt. Es gibt noch einiges, wo ich gar nichts weiß über Mondheim. Nun, ich gedenke, alles nach und nach herauszufinden.

Vor allem – wenn es nur das ist, stünde ja bald einer Versöhnung nichts im Wege; allerdings klingt Mondheim nicht so, als sei das eine in Betracht zu ziehende Möglichkeit.

„Bereust du es, dich auf mich eingelassen zu haben?“ fragt er jetzt leise. „Du hast seitdem keine Ruhe mehr.“

Ich verstärke meinen Griff um seinen Körper und wünsche mir, wir wären jetzt irgendwo, wo ich dieser weichen, warmen Schwere in mir nachgeben könnte. „Meine Güte, Daniel, wie kannst du das auch nur denken?“ empöre ich mich.

Kann Schwanz kann so hart sein wie das Leben, pflegte eine Bekannte von mir zu sagen. Recht hatte sie, auch wenn ich sie nicht leiden konnte. Aber wenigstens gibt es eben nicht nur die harten Alltäglichkeiten, sondern auch noch die harten Schwänze mit allem, was dazu gehört, um ein kleines Polster zu schaffen. Vielleicht eine Illusion; aber die wohltuenden Folgen sind dieselben.

Mondheim verschwindet bald wieder. Und ich sitze da, genervt, erregt, müde, gestresst, erschöpft – und glücklich.

Daniel und ein bewegtes Leben scheint man nur im Doppelpack zu bekommen. Aber ich bin sicher, es kommen auch wieder andere Zeiten.

Schade nur, dass die juristischen Auseinandersetzungen mit der Scheidung so früh beginnen. Hoffentlich gerät die Mondheim nicht an einen der Anwälte, die die Mandanten fest vom hundertprozentigen Gewinnen überzeugen, jeden machbaren Mist in die Wege leiten und sich nachher mit den uneinsichtigen sturen Richtern oder sonstigen unumstößlichen Umständen herausreden, wenn etwas nicht funktioniert.

Ich bin nicht sicher, was ich in ihrer Lage tun würde. Sie kann in Ruhe weiterleben, wenn sie sich an all das hält, was ja ersichtlich längst abgesprochen ist. Oder sie kann um jeden Millimeter Boden kämpfen. Vielleicht gewinnt sie damit an der einen oder anderen Stelle; um den hohen Preis konstanter Erbitterung und Gefechtsbereitschaft. Und insgesamt gesehen wird das Ergebnis kaum anders sein als auf dem anderen Weg.

Aber ich fürchte, mit Vernunft wird es wenig zu tun haben, wie sie sich entscheidet. Würde eine andere Frau versuchen, mir bei Mondheim dazwischenzufunken, ich würde ebenfalls mein gesamtes Waffenarsenal präsentieren. Präsentieren – und einsetzen.

Er ist ein faszinierender Mensch; auch wenn mir an seinem augenblicklichen Verhalten manches fremd ist. Aber er ist nun einmal nicht nur der, der die Türen weit aufgemacht hat, um mich hereinzulassen, er ist auch der, der andere Türen mit lautem Knall zuschlägt; mögen dabei auch noch so viele Finger sich im Türrahmen fangen.

***


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