Moralapostel

19. Januar 2014

Noch an diesem Abend bekomme ich das erste Mal Klammern an meinen Brustwarzen zu spüren; etwas, wovor ich dieselbe irreale, panische Angst hatte wie andere Menschen vor dem Zahnarztbohrer. Der wäre mir in diesem Zusammenhang fast lieber gewesen.

Ich habe die kleinen gemeinen Metallklemmen schon längst entdeckt bei seinen Sachen, aber bisher hat Mondheim mich damit verschont. Kein Wunder – angesichts meiner nahezu hysterischen Reaktion schon eines festeren Drucks seiner Finger.

Aber als er mir diesmal neue Taschentücher holt und mir dann das Metall zusammen mit dem Papier in Plastik überreicht, zögere ich nicht. Das Blitzen seiner Augen könnte mich noch zu ganz anderen Dingen überreden, und auf einmal bin ich auch gar nicht mehr müde, nur ein wenig wohlig verschnupft.

Genießerisch lasse ich mir das T-Shirt ausziehen, unter dem ich nichts trage; ich wusste ja, dass er kommt. Mit leichten Kreisen seiner Fingerspitzen, seiner Lippen und seiner Zunge nähert er sich dem Ziel, überrascht mich dann mit einer schnellen Bewegung, einer zweiten und schon beißt das Metall zu, obwohl es gar keine Zähne hat.

Unwillkürlich bäume ich mich auf, dabei ist es gar nicht so schlimm wie vermutet, und der spitze Schmerz sitzt überhaupt nicht dort, wo die Klammern ihn verursachen, sondern weiter hinten, in dem weichen Gewebe, bis er sich überallhin durchgebohrt hat mit einer dumpfen Intensität, die elektrische Impulse an mein Gehirn sendet. Mondheim streicht über meinen Bauch, vergräbt die Finger in meinem Schritt und kehrt zurück nach oben, weiter oben, umfasst die Rundung, die dadurch noch mehr zu brennen scheint, und doch lindert das den Schmerz, der mich mittlerweile stöhnen lässt. Er spielt mit dem Metall. Ich habe meine Muskeln nicht im Griffe, zucke.

Bald ist alles wieder vorbei; ein scharfer Nadelstich beim Abnehmen, aber die Wirkung hält an, lässt meine Brustwarzen kribbeln, schreien nach mehr. Seine Fingerspitzen darüber lassen mich bis in meine Beine hinein erschauern. Danach fassen seine Lippen zu, und endlich seine Zähne, bis er mich als beinahe schluchzendes, willenloses Bündel unter sich liegen hat und mich ganz in Besitz nimmt.

Gnadenlos schlägt am nächsten Morgen der Wecker zu, und ich kann nur hoffen, wach genug zu sein, beim Einpacken nichts zu vergessen.

Mondheim beweist mir, dass er gut ohne hilfreiche Hausgeister leben kann; er packt seine Sachen selbst, und an dem Ergebnis hätte selbst meine pingelige Mutter bestimmt nichts zu nörgeln. Dann schon eher an dem chaotischen Inhalt meiner Reisetasche.

Schon vor sechs sind wir auf der Autobahn Richtung Bamberg. Wenn alles klappt, kommen wir gerade zur Mittagszeit an im Hotel und können uns nach dem Essen gleich aufs Vergnügen oder vielmehr auf Gorig stürzen.

Natürlich klappt nicht alles; zwei Staus sorgen dafür, dass wir erst um halb zwei eintreffen und auf das Mittagessen verzichten müssen.

Dann gibt es noch Ärger, weil durch irgendein blödes Versehen zwei Einzelzimmer gebucht sind. Glücklicherweise haben beide Doppelbetten (wozu nennt man sie dann eigentlich Einzelzimmer?), und so bescheiden wir uns, nachdem Mondheim erst den armen Empfangsmenschen und darauf den Manager zu einem verlegen stammelnden Unglückswurm reduziert hat, mit einem der beiden und einem kräftigen Nachlass bei den Kosten.

Wäre ich allein, wäre die Reduktion sicher andersherum gelaufen; so mutig ich auch in manchen Situationen bin, in einer solchen neige ich automatisch dazu zurückzustecken.

Gorig führt uns zunächst durch seinen Verlag, stellt uns einigen wenigen Mitarbeitern vor – es sei der Schluss erlaubt, dass es sich dabei um die wichtigsten handelt – und beschüttet uns dann mit sechs verschiedenen Sorten Getränken in einem riesigen Konferenzzimmer. Vielmehr seine Assistentin tut das; ist ja schließlich Frauenarbeit, so etwas. Wie Mondheim nehme ich Kaffee und verschlucke mich beinahe an der steifen Brühe.

Ich verteile nett verschnürte Blätter, Frau Assistentin verteilt nett verschnürte Blätter. In beiden Papierstapeln stecken garantiert nur Dinge, die den jeweiligen Empfängern zum größten Teil längst bekannt sind; aber man kann ja schließlich nicht mit leeren Händen auftauchen.

Später sollen noch drei Herren zu uns stoßen, aber für den Anfang sind wir nur zu viert. Gorig, seine Assistentin, Mondheim und ich. Die zwei Auswärtigen nebeneinander auf einer Seite des großen Tisches, der Chef des Hauses über Eck am Kopfende, und auf der anderen Seite neben ihm die einheimische Dame. Mondheim hat dafür gesorgt, dass ich direkt neben Gorig sitze, aber sonderlich geschickt war das bestimmt nicht.

Von sich auf andere schließend behandelt Gorig mich nämlich sehr zuvorkommend als unwichtige Hilfskraft. Das stört mich erst richtig, als Mondheim gegen den Anschein mit der Bitte angeht, ich möge doch bitte unser Verlagskonzept vortragen. Schon weiß ich, warum der hinterlistige Hund das mit mir während der Fahrt noch mehrfach durchgegangen ist; keineswegs, um sich selbst vorzubereiten.

Ich versuche, mich zu sammeln, und beginne. Wir planen klein; zunächst einmal nur zwei Bücher, SirtaMs Roman und das Sachbuch von Teermann (oh Gott! Irgendwann muss ich mich da dringend an die ergänzenden Texte machen!), wenn alles klappt spätestens Anfang November, so dass wir das Weihnachtsgeschäft gerade noch so mitnehmen können. Im nächsten Jahr soll es dann etwa alle drei Monate einen weiteren Band geben. Erste Überlegungen gehen in Richtung eines weiteren Romans, eines Bildbandes mit erotischen Fotos, wahrscheinlich sogar eher Fetisch als direkt SM, oder aber Bondage, einer eher philosophische Sammlung verschiedener Texte, die sich mit dem gedanklichen Hintergrund des Einsatzes von Macht und Schmerz befassen, und noch eines belletristischen Werkes. Die Reihenfolge steht noch nicht fest. Was die Romane betrifft, haben wir schon jetzt mehr Manuskripte, als wir brauchen können; so etwas spricht sich anscheinend schnell herum, dass eine neue Veröffentlichungschance am Entstehen ist. Die große Kunst besteht insofern hauptsächlich darin, den Verfassern dieser großteils haarsträubend entsetzlichen Machwerke höflich und aufmunternd genug abzusagen, dass keine Briefbombe als Antwort zurückkommt. Für den Bildband haben wir mindestens drei Künstler an der Hand, die in Frage kommen. Wer weiß, vielleicht wird das Buch auch eine Mischung aus allen dreien. Die philosophische Auseinandersetzung, das ist eine neue Idee, die ich entwickelt habe.

Gorig muss leider unwissend bleiben, da die Sache noch nicht ganz steht, aber Ihnen kann ich ganz im Vertrauen schon einmal verraten, wie ich die Inhalte zu beschaffen gedenke. Im Zirkel sind über 40 Mitglieder. Wenn jeder sich nur ein wenig Mühe gibt … Na, Sie verstehen schon. Das intellektuelle Niveau dort müsste so beschaffen sein, dass auf jeden Fall etwas Lesbares dabei herauskommt, womöglich gar mehr. Mondheim ist allerdings skeptisch, was die Realisierung angeht, aber wir werden sehen.

Den Vertrieb denken wir uns einmal online; wobei keiner von uns beiden große Hoffnung hat, über das Portal oder andere Onlineshops, an die wir uns wenden wollen, viel verkaufen zu können. Daneben werden sämtliche Kontakte zu Buchhändlern oder solchen, die Buchhändler kennen aktiviert, und es wird Anzeigen und Lesungen geben für ausreichend Werbung. Und zwar, was die Anzeigen betrifft, keinesfalls nur in den Szeneblättern, sondern auch in der großen weiten Welt darum herum. Die Bücher, die wir planen, haben zwar mit SM zu tun, aber sie sollen auch solche sein, die ohne weiteres jeder lesen kann, wenn er denn den inneren Vorurteilsschweinehund überwindet, der magische Erotik immer gleich mit Sex in einen Topf wirft oder gar Pornografie. Keine Wichsvorlagen, keine technischen Insiderbeschreibungen als Sachbuch oder Roman. Ganz normale Bücher halt; nicht das niveaulose Zeug, das man so sehr gewohnt ist. SM allein macht noch lange keine Literatur, auch wenn viele sich das ersichtlich einbilden.

Und dann wünschen wir uns einen dritten Vertriebsweg – wobei Gorig ins Spiel kommt. Es wundert mich zwar ganz außerordentlich, wieso ein Wirtschaftsverlag bereit sein soll, seinen gesamten guten Ruf zu riskieren, indem er derartig unanständiges Zeug im Rahmen einer Kooperation mit ins Sortiment aufnimmt und so den Weg zu den Großhändlern öffnet, aber da Gorig nun einmal genau dazu bereit zu sein scheint, soll mir das mehr als recht sein. Wobei ich diesen Teil meiner kleinen Rede natürlich geringfügig anders formuliere.

Ich habe mich völlig atemlos geredet und bin froh, endlich am Ende zu sein. Gorigs Respekt vor mir ist ersichtlich kaum gestiegen. Wahrscheinlich war alles total daneben, was ich gesagt habe. Hoffentlich habe ich nicht alles kaputtgemacht.

Ein paar Fragen hat Gorig, aber die stellt er natürlich Mondheim, nicht mir. Er wird mir zusehends unsympathisch. Immerhin fragt er sehr detailliert; ob ich daraus wohl schließen darf, die Kooperation ist für ihn trotz meiner Stümperhaftigkeit noch nicht vom Tisch?

Am liebsten würde ich ihn ja direkt fragen, warum er sich konstant an Mondheim wendet. Aber ich muss mich ja nicht noch mehr danebenbenehmen.

Nach einer endlos langen Zeit kommen die angekündigten weiteren Teilnehmer, platzieren sich uns gegenüber – Frau Assistentin muss ihren Stuhl räumen und bildet nun das Schlusslicht -, und ab da bin ich völlig abgeschrieben. Gorig fasst erst kurz zusammen, was er von Mondheim gehört hat (Hey! Ich war das! möchte ich rufen), legt noch ein paar eigene Bemerkungen dazu.

Eigentlich ist doch die gesamte Besprechung überflüssig wie ein Kropf. Die inhaltlichen Dinge sind längst schriftlich ausgebreitet worden, und eine Entscheidung wird heute ohnehin nicht fallen. Der ganze Aufstand also nur, damit man sich einmal gesehen hat. Hätte Mondheim wenigstens einen Harem dabei, würde es sich wenigstens lohnen. Denn ansehen tut Gorig mich durchaus; wenn er auch nicht mit mir spricht.

Der Nachmittag zieht sich endlos. Haben die alle gar nichts Besseres zu tun? Und wo die mich ohnehin ignorieren, darf ich dann vielleicht eine Runde schlafen?

Warum läuft hier eigentlich alles nur mit Papier? Ich dachte, es sei inzwischen unausweichlich, zwanglose Nichtigkeiten per Powerpoint zu präsentieren. Als ich Mondheim vorgeschlagen habe, so ein kleines Teil aufzusetzen, hat er mich jedoch nur strafend angesehen. Gorigs Reaktion gibt ihm recht. Immerhin hätte das aber etwas Abwechslung bedeutet.

Mondheim beugt sich vor, um der Nummer 2 drüben etwas zu erklären, und dabei berührt seine gesamte Seite die meine. Das elektrisiert mich und vertreibt umgehend jeden Wunsch nach Schlaf, um ihn durch den nach etwas anderem zu ersetzen.

Ob ich mich unauffällig noch ein bisschen zur Seite neigen kann? Ich kann, und ich erhalte sogar Antwort. Nun muss ich nur aufpassen, nicht rot zu werden dabei.

Ein paar Finger stehlen sich auf meinen Oberschenkel, während Mondheim völlig ungerührt weiterredet. Schade, dass ich hier die Sub bin; sonst wüsste ich ihn vielleicht doch aus dem Konzept zu bringen.

Gorig lehnt sich zurück und schnauft. Ob er die Nase voll hat? Zu hoffen wäre es.

Er sieht auf die Uhr, und ohne jede Rücksicht unterbricht er die Antwort von Nummer 2 mit der Anweisung an Nummer 1, sich umgehend darum zu kümmern, dass mit der Lieferung an Mager oder so ähnlich diesmal alles glatt geht. „Ich will nicht wieder Beschwerden hören,“ endet er drohend und winkt den armen Menschen hinaus.

Ein echter Stiesel, der Kerl.

Nach der Unterbrechung rutschen drüben die beiden verbleibenden Knechte auf ihren Stühlen umher, als säßen sie auf Ameisen. Ich dagegen sitze ganz ruhig. Ganz ruhig … Äußerlich jedenfalls.

Endlich hat Gorig wirklich genug. Er entlässt seine geplagten Untergebenen und wendet sich dann Mondheim zu. „Wir sehen uns heute Abend noch, nicht wahr? Ich darf Sie doch zum Essen einladen?“

Um Himmelswillen – doch nicht noch ein paar Stunden ermüdende Stieseligkeit! „Nein, Sie dürfen nicht,“ rutscht es mir unwillkürlich heraus.

Einen Augenblick herrscht knisternde Stille. Dann rettet Mondheim die Situation. „Das Einladen wird natürlich Frau Senreis übernehmen, nicht wahr, Anne?“

***

Dafür ist Mondheim Freund, dass er mich aus der selbstgemachten Peinlichkeit herausholt und mir noch auf dem Weg zum Auto gleich erklärt, dass er mir das Geld selbstverständlich entweder vorlegt oder zumindest zurückzahlt. Und dafür ist er Dom, dass mich meine vorwitzige Klappe etwas kosten wird, was nicht Geld ist, wie er mir ebenfalls gleich ankündigt.

Wobei er aus dem Grinsen gar nicht mehr herauskommt über meine so unaufhaltsam herausgeplatzte Ehrlichkeit. Ich gebe zu, nach der ersten Schrecksekunde finde ich es auch lustig. Aber nur, weil er genau den richtigen Dreh gefunden hat, es nicht zu einer ernsthaften Missstimmung werden zu lassen, die sonst alles gefährdet hätte. Gorig wäre nicht der erste, der nach langen und gründlichen Vorbereitungen eine geschäftliche Entscheidung einer solchen Tragweite doch in einem kurzen Augenblick aus dem Bauch heraus fällt.

Dass jetzt eine Frau das Abendessen bezahlt, geschieht ihm schon aus Prinzip recht. So, wie er Frauen behandelt.

Meine Güte, Mondheim hat deutliche Ansätze männlicher Arroganz, das ist schon richtig. Aber, da hatte ich gleich ein waches Auge drauf, grundsätzlich behandelt er alle seine Angestellten gleich, ob Männlein oder Weiblein. Soll heißen: Von ihm wird jeder und jede angebrüllt, wenn ihm danach ist. Da sind weder die Frauen bevorzugtes Opfer, noch werden sie speziell geschont wegen ihrer zarten Seele und der Gefahr von Tränen. Letzteres ist ja ebenso Diskriminierung pur wie ersteres, wenn auch natürlich erheblich angenehmer zu verkraften. Für die Frauen.

Gut, dass er mit einer seiner Angestellten nun eine gemeinsame Wohnung bevölkert, das ist ja ebenfalls diskriminierend. Ein Mann hätte da keine Chance gehabt. Aber ich glaube, irgendwie ist das wirklich etwas anderes.

Jedenfalls, für den Kavalier alter Schule Mondheim mit seinem Temperament eines Cholerikers leben manchmal Frauen tatsächlich irgendwie eine Stufe tiefer. Bloß, er steht dem Nachweis offen, dass es nicht so ist, und gegenüber Gorigs totalitärem Chauvinismus ist er ein echter Goldengel.

Wir sind mit Gorig in einem Restaurant ganz in der Nähe vom Hotel verabredet. Die Wahl hat Mondheim großzügig dem Kenner mit Heimvorteil überlassen. Die Küche vom Hotel soll ohnehin nicht so besonders sein, wie Donath erklärt hat. Immerhin sind die Zimmer groß und gar nicht ungemütlich.

Geld holen müssen wir noch. „Du solltest dir langsam eine Kreditkarte anschaffen,“ meint Mondheim, als er neben mir zum nächsten Geldautomaten trabt, eine Straße weiter um die Ecke, wie der Hotelportier erklärt hat. Ja, ja. Irgendwann einmal. Bargeld tut es ja auch. Hoffentlich ist das Lokal nicht zu teuer. Falls 400 Euro nicht ausreichen, stehe ich ganz schön blamiert da.

Merkwürdig, das ist etwas, das wir beide noch gar nicht miteinander gemacht haben, einfach so durch die Straßen schlendern. Von dem einen Spaziergang einmal abgesehen, der im Jazzcafé endete, und das war mehr Parklandschaft, scheint eher das Auto das Transportmittel seiner Wahl zu sein. Wobei mir Bamberg gut gefällt; es wirkt richtig anheimelnd. Von fast überall kann man hier den Dom sehen. Den will ich mir morgen unbedingt näher betrachten.

Das Künstlerhaus will ich auch sehen, die Villa Concordia, die so wunderhübsch am Fluss liegt; welcher auch immer das sein mag. Und wie wäre es mit Klein-Venedig? Wie auch immer, morgen gedenke ich zu laufen und meinen geliebten Gebieter einfach mitzuschleppen.

Aber erst einmal steht Umziehen an. Wohlweißlich habe ich etwas dabei, sas mehr nach Abend und weniger nach Business aussieht. Sobald wir zu Hause zurück sind, muss ich allerdings endlich dringend einen Klamotten-Einkaufstag einplanen. Oder vielleicht finden wir etwas hier in den Geschäften in der Fußgängerzone?

Ich habe nicht vor, mich wie Aschenputtel erst einmal vollständig neu auszustatten, um des stolzen Prinzen würdig zu sein; und ich bin sehr froh, dass Mondheim nicht auf lauter Neuanschaffungen in allen Bereichen besteht. Er tut das auch dort nicht, wo selbst mir die Qualitätsunterschiede auf einen Blick auffallen. Doch so ein paar Dinge stören vielleicht nicht ihn, aber mich; und denen gedenke ich abzuhelfen.

Wieder darf ich die Kugeln tragen. Gorig würde in Ohnmacht fallen, wenn er es wüsste. War also doch nicht ganz ohne Absicht, dass ich Mondheims Sachen nicht einpacken durfte, wenn er solche Spielzeuge untergemogelt hat. Und ich nehme das zurück, dass meine Mutter vom Inhalt seiner Tasche begeistert wäre.

An der Rezeption haben vorhin mehrere Nachrichten auf Mondheim gewartet, und nun telefoniert er erst einmal. „Um die Zeit scheint niemand erreichbar zu sein,“ bemerkt er ärgerlich, als sich überall nur die Freizeichen oder die Anrufbeantworter melden.

Ist mir eigentlich ganz recht; wir sind jetzt in Bamberg und nicht zu Hause; so ein wenig Abstand tut gut. Wobei es mich schon ebenfalls interessieren würde, was die alle wollen. Donath, Grübingen, Joachim und ein paar Namen, die ich nur flüchtig kenne. So unentbehrlich kann doch selbst Mondheim nicht sein, dass schon ein einziger Tag Abwesenheit einen solchen Wirbel auslöst.

Gorig bringt seine Frau mit. Die ist eigentlich sehr herzlich, aber ausgesprochen ruhig. Dafür redet er die ganze Zeit. Von seinem Verlag, wie er ihn aufgebaut hat, wie er gedenkt zu expandieren, wie er die zukünftige Lage auf dem Buchmarkt einschätzt. Gähn.

Als ob er Mondheim von den Vorteilen einer Zusammenarbeit überzeugen müsste. Dabei sind doch ihm gegenüber wir die Bittsteller; das sollte er wissen.

Endlich scheint für ihn der geschäftliche Teil des Abends abgeschlossen. „Na, und Sie beide,“ sagt er vertraulich, „Sie haben sich jetzt nicht nur geschäftlich zusammengetan?“ Wieder einmal landet ein Blick auf meinem Ausschnitt. Einem sehr züchtigen Ausschnitt, wie ich anmerken muss.

„Ja, es war unvermeidbar,“ erwidert Mondheim grinsend. „Es hat mich getroffen wie ein Blitz.“ „Beneidenswert,“ seufzt Gorig. „Ist das denn nicht irgendwie – schwierig,“ wirft nun sie ein, „wenn man sich privat und geschäftlich sieht?“ „Ach, Maria,“ wehrt Gorig ab. „Die beiden stehen doch noch am Anfang, da würde man am liebsten jede Minute des Tages zusammen verbringen.“

Mit anderen Worten: Wie nervig das ist, wird uns schon noch aufgehen. Er jedenfalls möchte seine Frau gewiss nicht den ganzen Tag um sich haben, das wird deutlich.

„Und Ihre Frau?“ fragt Gorig neugierig. Und da sage noch mal einer, nur Frauen seien klatschsüchtig. Mondheim zuckt die Achseln. „Eigentlich war insoweit alles klar. Wir haben schon lange über eine Trennung gesprochen. Aber natürlich wird es mit der Realisierung doch nicht so ganz einfach.“

„Einfach ist das nun einmal nicht, eine Ehe zu zerstören.“ Maria Gorig wieder. Kleine Moralapostelin, wie? Wie sie dasitzt, die Gabel vergessen in der Hand, vorgebeugt, mit flammenden Augen, könnte sie glatt den Aufrufer zum Kreuzzug gegen die Institution der Scheidung abgeben.

„Es gibt da ja zwei Dinge,“ antwortet Mondheim; sehr ruhig, aber ich kann seine Verärgerung spüren. „Die lebendige Beziehung, die einmal zur Ehe geführt hat und manchmal im Laufe der Jahre – stirbt, und dann das Papier, auf dem steht, dass man sich zusammengetan hat. Wenn das eine fehlt, ist das andere auch nichts mehr wert.“

Gorig lacht schallend. „Versuchen Sie es gar nicht erst, Mondheim. Meine Frau würde mich nie gehen lassen. Sie ist der Meinung, wenn man sich einmal das Versprechen fürs Leben gegeben hat, dann muss man dazu auch stehen. Das gesamte Leben lang.“

„Vielleicht sollte man Eheversprechen nicht auf das ganze Leben hin bezogen fordern,“ werfe ich ein. „Wenn jemand mit 20 heiratet, wie soll er wissen, was ist, wenn er einmal 40 ist? Es ist schon beneidenswert, wenn man sich auch dann noch wirklich versteht und noch hinter der Ehe steht. Aber wer kann das vorher zusagen, wenn er ehrlich ist?“

„Ich glaube nicht, dass Sie das schon beurteilen können; so jung, wie Sie sind,“ giftet sie. Er ignoriert sie. „Ehe auf Zeit, gar keine schlechte Idee. Man bindet sich nur für die nächsten Jahre, und dann überlegt man neu.“

Sie wirft ihm einen Blick zu, der nichts Gutes verheißt, ordnet ihre Frisur, die steif genug gesprayt wurde, um auch einem Bombenanschlag zu widerstehen. Ich fürchte, ich habe das Gespräch auf schwankendes Territorium geleitet.

„Wieso sollte man Empfindungen so wichtig nehmen?“ widerspricht sie nun energisch. Sobald ein Thema sie interessiert, ist sie auf einmal gar nicht mehr ruhig. „Natürlich weiß niemand, was er in ein paar Jahren fühlt. Aber der Sinn der Ehe ist es doch gerade, eine davon unabhängige Grundlage zu schaffen, auf die man sich in jedem Fall verlassen kann.“

„Unchain my heart,“ murmelt Mondheim halblaut. Es trifft mich wie ein Schlag. Genau an dieses Lied habe ich eben auch gedacht. Unter dem Tisch drücke ich seine Hand. Mehr ist hier leider nicht möglich; die Tischtücher reichen nur wenige Zentimeter über die Kante. Dafür schlüpfe ich heimlich aus meinen Schuhen – ohnehin eine sehr wohltuende Aktion – und umspiele mit meinem Fuß sein Gelenk und den Unterschenkel. Ist mir das als Sub eigentlich erlaubt? Ich weiß es nicht, und es kümmert mich auch nicht.

„Wenn Sie so gegen die Ehe sind, dann sind Sie doch sicher auch für Abtreibungen,“ setzt Marialeinchen nach. Aha – Frontalangriff. Ich komme mir vor wie der Antichrist persönlich. „Ich halte es für besser abzutreiben, als ein Kind in einer Situation zu bekommen, in der man sich nicht vollen Herzens dafür entscheiden kann,“ entgegne ich. „Und bevor Sie fragen – ich sehe das keineswegs nur theoretisch so, sondern ich habe mich ganz konkret in meinem Leben eben deshalb für eine Abtreibung entschieden.“ So, nun hat sie es. Und gerade weil ich kein so ganz reines Gewissen wegen dieser Entscheidung habe, obwohl ich sie jederzeit wieder so treffen würde, klatsche ich ihr das lieber gleich auf ihren Teller, wo sie in grünen Bohnen stochert.

Mondheim presst meine Finger, dass es beinahe wehtut. Er weiß von der Sache; ich habe ihm alles erzählt und dabei auch meine Schwierigkeiten nicht verschwiegen, mit einer Entscheidung zu leben, hinter der ich noch immer stehe. Von ihm weiß ich, nicht nur durch den Vorfall mit Silvia im Büro, er hätte gerne Kinder gehabt, aber sie wollte nicht, und ab irgendeinem Zeitpunkt er auch nicht mehr.

Wir haben, was uns beide betrifft, das Thema Kinder noch nicht berührt. Lassen Sie mich insofern eine Voraussage treffen. Sie wollen sie nicht hören? Auch gut.

„Sie wissen, was das heißt, Abtreibung?“ ereifert sie sich. „Da werden kleine Lebewesen grausam und blutig in Stücke gerissen und aus dem Mutterleib geholt.“

Eine appetitliche Vorstellung beim Essen. Ob sie wohl katholisch ist?

„Maria,“ mahnt nun Gorig. Ihm gefällt das Thema nicht. Kann ich ihm nicht verdenken.

„Sie sind da nicht vollständig aufgeklärt,“ sagt nun Mondheim kalt. „Was Sie meinen, das sind Abtreibungen im späten Stadium aus medizinischen Gründen. Und wenn die Mutter sonst nicht überlebt, muss das wohl sein. Die normale Abtreibung, da werden lediglich ein paar undefinierbare Zellen abgesaugt. Und nicht nur die Zellen machen ein Lebewesen aus, das geliebt werden will; da ist noch so viel anderes, und wenn das fehlt, ist es auch in meinen Augen richtiger, konsequent zu sein. Ich halte es sowieso für eine Heuchelei ohnegleichen, sich derart über Abtreibungen aufzureden. Oder sind Sie Vegetarierin? Ersichtlich nicht, wie ich sehe. Jeden Tag werden Tiere umgebracht, nur damit wir etwas zu essen oder anzuziehen haben. Und denken Sie sich etwas dabei, wenn Sie eine Fliege erschlagen? Wer sagt Ihnen denn, ob nicht, wenn man es denn schon so streng sieht, jedes Leben schützenswert ist?“

Sein Engagement treibt mir die Tränen in die Augen. Es ist für mich, dass er hier in den aussichtslosen Kampf zieht.

„Und jetzt,“ endet er, „schlage ich ein anderes Thema vor.“

„Eine gute Idee,“ stimmt Gorig erleichtert zu. „Wie geht es denn eigentlich Donath? Wir telefonieren zwar regelmäßig, aber ich habe ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Er scheint mir ein echter Norddeutscher geworden zu sein.“

Ist Donath also tatsächlich ein Bayer. Verzeihung – ein Franke. Auf welch merkwürdigen Wegen solche Kontakte zustande kommen. Nur weil Donath irgendwo im Norden an eine Uni gerufen wurde, sitzen nun Mondheim und ich in Bamberg an einem Tisch mit einem Chauvie und einer strengen Katholikin. Als Abschluss eines Tages, an dem verhandelt wurde, ob Gorig unseren neuen Verlag unterstützt. Ob sie das wohl weiß, die heilige Maria? Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie es unterstützen würde. Allerdings glaube ich auch kaum an ein großes Gewicht ihrer Stimme bei geschäftlichen Angelegenheiten.

Heute sitzen die Kugeln irgendwie anders. Sie machen mich nervös. Ich kann es nicht erwarten, Mondheims Finger zu spüren, die sie wieder entfernen und die entstehende Leere vielleicht anders füllen. Auch meine Erkältung, die ich heute Morgen schon wunderbarerweise Weise so fix überwunden glaubte, kehrt mit Macht zurück. Kurz: Ich will ins Bett; für welche Unternehmung auch immer.

Wir atmen beide auf, als wir uns, beinahe eine Stunde später, auf den Rückweg machen können. Immerhin eines hat dieser Abend erreicht – im Vergleich zu seiner Frau ist mir nun Gorig geradezu angenehm. Und warum er Frauen so herablassend behandelt, wird mir auch klar.

Beim Bezahlen vergehe ich vor Unsicherheit – 10 Prozent Trinkgeld, oder? War doch so? -, aber dafür habe ich die Befriedigung, von ihr einen verwunderten Blick zu ernten. Wahrscheinlich habe ich jetzt ihr ganzes Weltbild durcheinander gebracht.

Gorig bietet großzügig an, uns am nächsten Tag in der Stadt ein wenig herumzuführen. Mondheim bedeutet ihm, das könne man ihm nicht zumuten (uns auch nicht!), aber eine Verabredung wenigstens zum Kaffee scheint unvermeidbar.

Mondheims Handy meldet sich, kaum hat er es draußen wieder eingeschaltet. Wie ich das liebe, wenn zwei Arm in Arm miteinander durch die Straßen gehen und das hörbare Gespräch dabei mit einem Dritten stattfindet. Ich versuche den Anrufer zu erraten. Er wird geduzt; also kann es nicht Donath sein, allenfalls Grübingen; aber der Tonfall ist dafür zu vertraut. Sein Bruder? Aber weshalb sollte der überhaupt so dringend anrufen?

***


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